Alarm auf der Alm

Glosse
Alarm auf der Alm
Von Jakob Strobel y Serra

30. Juli 2004 Der Höhepunkt des Tages war ein Doppelstriptease mit Geschlechtertrennung: Der Mann zog sich vor den Frauen im Heuschober aus, die Frau vor den Männern in der guten Stube. Das war noch der interessanteste Moment der Sendung "Die Alm", der neuesten Doku-Soap im deutschen Privatfernsehen, Folge von vorgestern. Ihre Bühne ist eine Südtiroler Berghütte, in der eine Handvoll abgehalfterter Halbprominenter das Landleben nachspielen.
Darunter sind ein ehemaliger straffälliger Boxer in der Resozialisierungsphase und jede Menge neurotische Vertreterinnen der Luder-Fraktion, deren einzig hervorstechende Talente aus Silikon bestehen. Oft beschäftigen sie sich mit Fäkalien, nehmen zum Beispiel ein Jauche-Bad oder fischen ein Handtuch aus dem Klosett, wobei die lustigste Aufgabe der "Sepp des Tages" zu erledigen hat. Manchmal geht es noch unappetitlicher zur Sache auf der "Ekel-, Schmuddel- und Sex-Alm", wie es in der Boulevardpresse täglich heißt, etwa wenn ein Truthahn dilettantisch geschlachtet wird.
Das ist der Südtiroler Landesregierung jetzt zu weit gegangen: Sie hat gedroht, den Fernsehsender Pro 7 auf Rufschädigung zu verklagen. Südtirol hat nicht nur Angst davor, mit Rechtsbrüchen wie Tierquälerei in Verbindung gebracht zu werden. Noch beunruhigender ist es nach Meinung des Tourismuschefs Christoph Engel und des für Fremdenverkehr zuständigen Landesrats Thomas Widmann, daß "Die Alm" dem Ferienland Südtirol generell und "in gravierender Weise" schade, weil das Programm nur eine Karikatur des tatsächlichen Lebens auf Bergbauernhöfen abbilde. Deswegen legen sie auch größten Wert auf die Feststellung, daß ihre Regierung die Dreharbeiten in keiner Weise unterstütze. Doch das will niemand hören.
Der Spaß hat seine Grenzen

Die Reaktion Südtirols ist weder Hysterie noch Spielverderberei. Denn das Land weiß um die Folgen, die eine Sendung wie "Die Alm" nach sich ziehen kann. Das Beispiel des im Krawallfernsehen vielfach dokumentierten "Ballermanns" auf Mallorca hat gezeigt, wie fatal es ist, auf Dauer den Spaß so weit zu treiben, bis die Achtung vor dem Ferienland verlorengeht. Auch in den Alpen ist der Spaß in der Vergangenheit sehr weit getrieben worden, vor allem im Winter. Orte wie Ischgl, Saalbach oder Sölden haben sich mit Saufgelagen im Schnee und rituellen Schirmbar-Abstürzen nach Liftschluß als Party-Epizentren etabliert. Thekentalente wie Anton aus Tirol oder Peter Wackel konnten mit schmissiger Musik und flachsinnigen Texten zu den Idolen der bierseligen Bergtouristen werden. Aber ein Rest an Respekt gegenüber den Alpen ist immer bewahrt worden. Man nutzte sie als Kulisse, instrumentalisierte sie aber nicht. In jüngster Zeit ist ohnehin eine Gegentendenz zu beobachten: die Wiederentdeckung der Ruhe. Immer mehr Tourismusorte werben mit nichts als dem Naturerlebnis als wahrer Bergerfahrung, und nicht nur die Ferienregion Wilder Kaiser/Brixental hat mit unspektakulären Einrichtungen wie Barfußwegen, Wasserlehrpfaden oder Murmeltierrallyes inzwischen großen Erfolg.

Die Perfidie einer Reality-Show wie der "Alm" liegt gerade in ihrem anmaßenden Wahrheitsanspruch. "Back to Nature" lautet das Motto der Sendung, in der "Stadtmenschen die Natur pur erleben wollen - mit allen Freuden und Schikanen", wie es bei Pro 7 heißt. Die Wirklichkeitsverzerrung der "Alm", dieser schrillen Persiflage auf das "Schwarzwaldhaus", in dem eine Familie fürs Fernsehen wochenlang wie im Jahr 1902 lebte, wäre nicht schlimm, nähme sie das Publikum als Trugbild wahr. Doch genau das geschieht nicht, weil die Zuschauer solcher Formate auf Kanalisationsniveau selten zur Differenzierung neigen und auch in den Köpfen der anderen immer etwas haften bleibt - vor allem wenn man weiß, daß sich das Gros der Fünfzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen, also der potentiellen nächsten Gästegeneration in Südtirol, überwiegend mit Hilfe der Unterhaltungsprogramme von Privatsendern über das Wesen der Welt informiert. Das Image Südtirols könnte daher unter der "Alm" ebenso leiden wie das der Balearen unter dem "Ballermann", der weit mehr Besucher abschreckt als anzieht. Das ist für jeden Tourismusverantwortlichen eine Schreckensvision - und für alle anderen eine Herausforderung, sich gegen die Usurpation der Realität durch die "Reality" des Fernsehens zu wehren.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2004, Nr. 174 / Seite R1
Bildmaterial: ProSieben

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