Einmal leben wie vor hundert Jahren

Einmal leben wie vor hundert Jahren
Von MARGRET KLOSE

Christa Hege aus Erftstadt-Dirmerzheim besuchte im Rahmen der ARD-Serie „Schwarzwaldhaus 1902“ ihre Tochter Marianne Boro auf dem Kaltwasserhof im Schwarzwald.

ERFTSTADT. Kühe und Ziegen melken, hat Christa Hege bei ihrem dreitägigen Aufenthalt auf dem Kaltwasserhof im Schwarzwald nicht gelernt. „Doch das andere Leben dort war sehr interessant“, erinnert sich die 69-jährige Erftstädterin. Versonnen blättert sie in dem gerade erschienenen Buch „Wir Boros und das Schwarzwaldhaus“, in dem die Abenteuer auf dem Kaltwasserhof geschildert werden.
Völlig abgeschirmt vom Rest der Welt schrieb Christa Heges Tochter Marianne dort 2002 Fernsehgeschichte, als sie mit ihrer Familie - Ehemann Ismail, den Kindern Sera, Reya und Akay - zwei Monate im Sommer und zwei Wochen im Winter ein Leben wie vor hundert Jahre vor laufender Kamera nachlebte.
Dass allerdings die ARD-Serie so erfolgreich und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet werden würde, hat Christa Hege damals nicht für möglich gehalten. „Vieles hat mich da oben an meine Jugend erinnert“, erzählt sie. Die Seniorin ist fest davon überzeugt, dass ein gelegentlicher Verzicht auf Luxusgüter eigentlich jedem Menschen gut tun würde. „Man besinnt sich wieder auf die einfachen, ursprünglichen Dinge im Leben“, schildert sie ihre Erfahrungen.
Kratziges Leinen
und Holzpantinen
Natürlich hat auch sie bei ihrem Besuch auf dem Kaltwasserhof sämtliche Güter des 21. Jahrhunderts daheim lassen müssen - die Uhr etwa, aber auch ihre Zigaretten nebst Feuerzeug. Statt der gewohnten Kleidung bekam sie ein kratziges Leinenkleid und eine Schürze umgebunden. Doch damit hatte Christa Hege keine Probleme. Nur um ihre weichgepolsterten Schuhe tat es ihr Leid. Der Ersatz bestand aus dicken Wollsocken und harten unbequemen Holzpantinen. „Große Sprünge konnte ich damit nicht machen“, schmunzelt sie.
Doch richtig vermisst habe sie nichts. Das Brunnenwasser für die tägliche Körperpflege sei zwar sehr kalt gewesen, die Küche ein bisschen zu dunkel, die Strohmatratzen viel zu hart und die Federbetten zu schwer und zu warm, „doch man gewöhnt sich schnell an das so ganz andere Leben“, erzählt die 69-Jährige. Besonders gut habe ihr das Plumpsklo gefallen. „Das war echt gemütlich.“ Denn von dort hatte man einen einzigartigen Blick über das ganze Münstertal. Unbehaglich allerdings war das Toilettenpapier aus alten Zeitungen.
„Da“, sagt sie dann und deutet stolz auf ein Foto in dem Boro-Buch, „das bin ich beim Kartoffeln reiben.“ Für sämtliche Bewohner einschließlich dem Kamerateam hat sie an ihrem zweiten Tag auf dem Kaltwasserhof Kartoffelkuchen gebacken. „Dazu werden die rohen Kartoffel gerieben, mit Speck, Salz und Zwiebeln gewürzt und im Ofen goldbraun gebacken“, verrät sie das alte Rezept. „Spannend wurde die Sache, als der Kuchen in den Ofen kam“, berichtet sie weiter. Der sei nämlich nur mit Holz beheizt worden, ohne Backautomatik und Temperaturregler. Trotzdem habe das Essen immer prima geschmeckt.
„Alles was das Herz begehrte wuchs ja im Garten: Kartoffeln, Möhren, Mangold, Zwiebeln und jede Menge Obst. Und da die Enkelkinder Sera und Reya ziemlich schnell das Melken der Kuh und der Ziege gelernt hatten, fehlte es auch nicht an Milch, Sahne und Butter. War die Arbeit des Tages getan, saß man zusammen und ließ den Tag gemütlich ausklingen.
„Spätestens um 21 Uhr war Nachtruhe angesagt“, so Christa Hege. Erstens waren alle müde, und zweitens habe es ja keinen Strom gegeben, und mit den Kerzen musste sparsam gewirtschaftet werden. „Die standen uns im Schwarzwaldhaus nämlich nicht in unbegrenzten Mengen zur Verfügung.“
Stundenlang kann Christa Hege von ihrer Zeit auf dem Kaltwasserhof berichten. Dass durch die ARD-Sendung jetzt allerdings auch der kleine Erftstädter Ortsteil Dirmerzheim im Schwarzwald bekannt wurde, glaubte sie erst, als kürzlich Ortsvorsteher Jakob Franken dort seinen Urlaub verbrachte. Als er seine Heimatadresse nannte, hätten die Leute im Münstertal gesagt: „Da kommt ja auch unsere Marianne her.“

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